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Jan Behrens Piano // >Portrait< - In-Kun Park

>Portrait< - In-Kun Park

Liebe Leser und Leserinnen meines Blogs!

Willkommen zu einem neuen Portrait!

Dieses Mal war ich zu Gast bei meinem eigenen Klavierlehrer, bei dem ich seit geraumer Zeit klassischen Klavierunterricht nehme, um mich musikalisch weiterzubilden und als Jazzpianist über den Tellerrand zu schauen. Es geht mir hierbei insbesondere um polyphones Klavierspiel und um das Erlernen von Inventionen und barocken Kompositionen. In einem Wort: Bach! Wer meine eigenen Kompositonen verfolgt, wird feststellen, dass hierdurch in steigendem Maße auch neue Klänge in mein Klavierspiel mit eingeflossen sind. Und das habe ich meinem Klavierlehrer zu verdanken!

In-Kun Park und ich sind im November 2015 zusammen beim CD-Releasekonzert der Silent Lights 5 – Silhouettes im Winterzelt an der Martinikirche mit meinen Kompositionen Angel, Iceflower und Inventio Nr.II  aufgetreten, die wir vierhändig gespielt haben. Eine Premiere, die ich sehr gern wiederhole!

Ihm widme ich dieses Portrait und sage „Danke“ für einen fantastischen Klavierunterricht und die damit verbundene Inspiration!

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Die Sonne steht schon tief als ich mein Fahrrad anschließe und die steilen Stufen zur Musikschule am Augusttorwall in Braunschweig emporsteige. Ich drücke die schwere Tür zum Unterrichtsraum auf. Dem Raum, in dem ich selbst in Sachen Bach unterrichtet werde. Von In-Kun Park. Die Nachmittagssonne scheint quer über die zwei parallel positionierten Konzertflügel. Der Meister steht vor mir. Wir begrüßen uns herzlich.

„Heute bin ich ausnahmsweise nicht als Schüler hier sondern als Kollege“, lache ich und werfe mein Kameraequipment ab. Wir machen Fotos und die Session dauert länger als erwartet. Wir nutzen das Licht der Sonne, die quer über die zwei schwarzenFlügel scheint und dem Musikraum etwas Barockes verleiht.

Ich fotografiere meinen Klavierlehrer im Spiegelspiel der Flügelklappe und es macht Spaß. Kaum kann ich mich jetzt noch vom Auslöser lösen, und ich bitte In-Kun etwas zu spielen. Er zaubert die Etude Nr.1 von Chopin hervor, die Hände fliegen virtuos über die Tastatur, ich komme kaum noch hinterher. Diesen Spielfluss nutze ich – Tasten, Noten, Klänge, Bilder, alles mischt sich und verfließt zu einem tastatonischen Konglomerat welches sich im Zimmer aufbaut und an die Decke zu fliegen scheint. Nach 1 Stunde sind wir fertig und ich sage: „Die Fotos passen nicht mehr auf eine CD, ich bringe sie Dir auf einem USB Stick mit und dann kannst Du sie auch haben“.

„Oh, wenn ich darf, das wäre nett“. Antwortert In-Kun höflich.

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Höflich ist er wirklich. Unaufdringlich. Kompetent. Jede Stunde hat einen klaren roten Faden. Der ihm wichtig, er möchte „dass seine Schüler einen Sinn hinter dem Gelehrten erkennen“. Ein philosophisch-pädagogischer Ansatz im Instrumentalunterricht, den In-Kun Park insgesamt 13 Schülern der Städtischen Musikschule seit 1997 erteilt. Nebenbei ist er Fachgruppenleiter der Klavierklasse.

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In-Kun Park wird 1974 geboren und erhält mit 4 Jahren die ersten Klavierstunden bei seiner Mutter in Seoul, Korea. Die Familie siedelt nach Deutschland über, wo er ab 1981 Unterricht bei Ilse Metrup am Städtischen Konservatorium Osnabrück erhält. Er beginnt im selben Jahr zusätzlich Violine zu spielen.

1989 dann ein Wettbewerb bei Jugend musiziert, aus dem Auditorium löst sich ein älterer Mann und kommt auf ihn zu. Prof. Kämmerling bietet ihm Unterricht an der Musikhochschule Hannover an! Park gewinnt 1990 und 1992 erste Preise beim Bundeswettbewerb Jugend musiziert im Fach Klavier es folgen weitere 1. Preise beim Grotrian Steinweg Klavierwettbewerb sowie Franz Liszt Klavierwettbewerb in Weimar. Das hat er immer gewollt. Eins seiner erklärten Ziele. Doch es geht weiter. Als Stipendiat des Deutschen Musikwettbewerbs 2001 wird er in die Bundesauswahl Junger Künstler aufgenommen und in der Saison 2002 / 2003 zu rund 25 Konzerten verpflichtet, es folgen Konzertreisen nach Korea.

Ich bitte In-Kun Park etwas ruhiges zu spielen, fotografiere jetzt die Bewegungen seiner Hände im Gegenlicht und in Bewegung. Zum Abschluss legt der Meister die Hände auf eine schwarzpolierte Oberfläche eines Klavierdeckels. Die Fotosession ist vorbei, die Speicherkarte platzt fast vor Inhalt.

In-Kun Park – Klavier / [Peter I. Tschaikowsky „Die Jahreszeiten“ op. 37b – Oktober]

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Wir flanieren nun draußen durchs Viertel und landen im Steigenberger Parkhotel in der Vinothek. Schauen hinaus auf die Oker. Es gibt süßen Kuchen mit Apfel- und Marmeladenfüllung und Kaffee. Ich torpediere In-Kun mit Fragen und bitte ihn, eventuelle Provokationen in meinen Fragen nicht persönlich zu nehmen, doch mein Lehrer lacht nur milde und beißt in ein Stück Apfelkuchen.

Seine Entscheidung Pianist zu werden fällt „spät“ – mit 16 Jahren. Er habe „mit Medizin geliebäugelt“. Ich verschlucke mich fast und fange meine Überraschung gerade noch ab. Damit hatte ich absolut nicht gerechnet. „Ich bin gerne im Krankenhaus“, setzt In-Kun nach und nun bin ich mundtot. Das habe ich noch nie gehört.

„Vertrauen habe er zu Ärzten“. Eine schwere Krankheit habe ihn Geduld gelehrt. Jeden Tag nach der Schule Laborkontrollen. Klassenfahrten unmöglich. Das ganze geht fast 7 Jahre. Aber Klavierspielen, das geht. Und wie. In-Kun übt nicht 12h am Tag, wohl aber 3-4, ganz getreu dem Motto des bedeutenden Klavierpädagogen und Pianisten Heinrich Neuhaus: „Wenn man richtig übt, reichen 3-4h am Tag.“ Park hält nichts davon, „sich zu verbeißen“, dafür habe er zuviel andere Dinge, die er nebenbei auch noch bewältigen muss. „Das suchtartige Üben ist nichts für mich“ erzählt er mir und erwähnt die Geschichte von einem Pianisten der sich um noch mehr üben zu können, in einem Hotel eingemietet hatte, welches ihn von den gesamten Lasten des Alltags in Form von Wäschewaschen, Kochen und Putzen befreit hätte.

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Wir lachen, und ich frage weiter nach. Nun also doch Musik und nicht die Medizin. „Ein Doppelstudium von Musik und Medizin parallel zu betreiben kam nicht für mich in Frage, weil ich so nicht hätte genug in die Tiefe gehen können“. Das in der Tat ist ihm gelungen. Als Solist, als Pianist und als! Musiker. Das ist ihm wichtig. Park sieht sich nicht ausschließlich als Pianist sondern als Musiker. Die Violine spielt er nach eigenen Angaben „amateurhaft“, eine Aussage, die ich ihm bis zum Ende unseres Gespräch nicht glaube. Während einer Unterrichtsstunde hat er sich verraten und mir von einer nächtlichen Übestunde an der Musikhochschule erzählt. Gegenseitig wachgemacht hätten sie sich, nachts um drei zu unorthodoxen Zeiten, um „für alle Auftrittsmodalitäten gerüstet zu sein“. Ähnliches erahne ich auch in Sachen Violine …

In-Kun sitzt aufrecht vor mir, ich frage ihn, ob es ihm Stress bereite, Konzerte vorzubereiten. „Stress? Im großen und ganzen nicht“! Nur partiell beiße er sich an einzelnen Stellen fest, welche intensiv bearbeitet werden müssten. „Die richtige Anspannung wirkt entspannend“. Aha?! Ist das so? Ich lehne mich zurück und überlege. Ein wohldosiertes Maß an Adrenalin, ausgeschüttet aus dem Nebennierenmark wirkt in der Tat leistungssteigernd, ein Zuviel hingegen blockiert so ziemlich alles, und es kommt zur Katastrophe, kalte Finger und Zittern und so…

Doch davon ist offenbar bei In-Kun keine Spur, der Mann scheint im Gleichgewicht zu sein mit dem was er macht. Und ist ausgesprochen erfolgreich. So auch mit dem Louis Spohr Orchester, das er seit 1998 betreut. Eine kongeniale Mischung aus begabten Amateuren und Profis welche bemerkenswerte Konzerte, unter anderem mit Gastsolisten der Berliner Philharmoniker spielt und so ziemlich alles an Literatur in Angriff nimmt was der Blätterwald hergibt. Zusätzlich leitete er darüber hinaus das Wolfsburger Kammerorchester von 2003 bis 2005. Seit 2008 ist er künstlerischer Leiter und Geschäftsführer der Institution „Louis Spohr Musikforum Braunschweig e.V.“

Wer Interesse hat, dem seien die folgenden Links empfohlen, hier gibt es News zu Konzerten und Veranstaltungen. Insbesondere empfohlen sei die Sommerserenade des Louis Spohr Orchesters, bei der ich im letzten Sommer selbst als Gastsolist dabei sein durfte:

www.louisspohrmusikforum-bs.de
www.louisspohrorchester-bs.de

Hier gibt es eine Kostprobe des Louis Spohr Orchesters mit Brahms‘ 2. Klavierkonzert in B-Dur und In-Kun Park am Flügel auf YouTube zu sehen:

Louis Spohr Orchester / Brahms 2. KLavierkonzert B-Dur

Doch damit nicht genug: Park war u.a. Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, des Edwin-Fischer-Stipendienfonds, der Marie-Luise-Imbusch-Stiftung und des Int. Braunschweiger Kammermusikpodiums. Zahlreiche Konzerte im In- und Ausland, Rundfunkaufnahmen beim NDR, WDR, BR, KBS (Koreanischer Rundfunk) und eine CD-Produktion runden den bisherigen Weg ab.

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Park ist auch Dirigent beim Louis Spohr Orchester,  etwas, „dass er eigentlich nicht gelernt hat“. Er habe „eigentlich immer eine Partitur dabei, auch beim Gang mit seinen beiden Jungs Johann und Emilian auf den Spielplatz“. Ich bin irritiert. Musik im Kopf habe ich zwar auch oft, aber nicht immer ein lead sheet von Duke Ellington in der Hosentasche.

Und genau das macht die sympathische Mischung aus Professionalität, Kompetenz und entspannter Freundlichkeit dieses Mannes aus.

„Das entscheidende an der Musik ist die Unabhängkeit“ klärt mich mein Lehrer auf. Nun werde ich aufmüpfig: „Aber in der Klassik gibt es doch quasi nur Noten, ob das nicht auch einengen würde“? frage ich provokant. „Wenn ich den Notentext nicht verstehe, ja!“ kontert In-Kun schlagfertig und ich will jetzt wissen, ob auch Jazz etwas für ihn sei. Ja, es würde ihn reizen, aber der Charakter von Jazzmusik würde sich ihm nicht gleich auf Anhieb erschließen, er sei mit Klassik groß geworden.

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„Entfaltung ohne wenn und aber“, das treibe ihn zur Musik, überhaupt würde er sich eher als Musiker denn als Pianist bezeichnen, das sei ihm zu eng. Er könne Musik sofort ohne Vorbereitung machen, sich ans Klavier setzen und professionell üben, weiterkommen. In der Wissenschaft sei dies nicht ohne weiteres möglich, man brauche immer eine längere und komplizierter Vorbereitung und eine ganze Anzahl an professionellen Mitarbeitern.

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Was sei das Ziel? Gibt es eins? Nein! Die Antwort war eindeutig. Er habe viele Ziele, was das Musizieren an sich anginge sowie seinen persönlichen Anspruch. Alle Beethoven Sonaten spielen, nochmal aufarbeiten, in seinem Tempo, in seinem Qualitätsstandard. Ich atme durch und denke daran, dass ich seit Wochen an einer einzigen Bach-Invention festhänge.

„Das Gefühl, es nur unzureichend zu beherrschen stresst mich!“. Das wichtigste ist mir, meine persönlichen Möglichkeiten bis zum äußersten auszureizen.

Aha! Nun ist es raus! Ich nippe am Orangensaft und freue mich über In-Kuns Ehrlichkeit! Ich habe ihn bei seinem Ehrgeiz erwischt und diese geballte Ladung an pianistischer Kompetenz ist unter anderem auf dem Hörbeispiel zu hören, das er zusammen mit dem Osnabrücker Symphonieorchester eingespielt hat. Hier könnt Ihr mit einer Hörprobe in In-Kun Parks Klaviervirtuosität hineinhören (Dirigat: Marek Pijarowski):

In-Kun Park und das Osnabrücker Symphonieorchester / [Peter I. Tschaikowsky – Konzert für Klavier und Orchester Nr.1 b-moll op.23 – Allegro con fuoco]

© by In-Kun Park / Osnabrücker Symphonieorchester, 1999

Wer ist In-Kun Park? Familienvater, Pianist, Violinist, Fachgruppenleiter der Klavierklasse, Tischtennisspieler und Dirigent. Ganz schön viel. Was macht er, um sich zu entspannen?

„Koreanisch zu kochen und Gäste einladen“ entgegnet In-Kun trocken und lädt mich zu seiner kommenden Geburtstagsfeier im Kreise seiner Familie, zusammen mit seiner Frau Maike und den beiden Söhnen Johann und Emilian ein. Hier kann ich mich von einer erstklassigen und (!) hausgemachten, kulinarischen Kostprobe selbst überzeugen:

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Buffet und Haute Cuisine © by In-Kun Park, 2016  🙂

„Ich hoffe, dass ich das alles in ein Leben hineinbekomme“ lächelt er. Derlei Gedanken kenne ich gut.

Wir stehen auf und schlendern wieder rüber zur Musikschule, dort wartet mein Fahrrad, Autos hinterlassen bunte Lichtstreifen in der Dunkelheit. Ich verbeuge mich reflektiv vor meinem Lehrer und darf auf eine E-Mail hoffen, die mich zum Unterricht einlädt.

Auf dem Rad beschleicht mich plötzlich das ungute Gefühl, heute nicht geübt zu haben. „Wie auch, wenn Du ein Portrait über Deinen eigenen Lehrer machst“…  meldet sich eine andere Stimme aus meinem Großhirnkortex. Eine unangenehme, süßlich in der Nase stechende Parfumfahne einer vor mir fahrenden Radfahrerin holt mich wieder zurück in die Realität. Ich schleppe mich, noch halb betäubt, die Treppe zu meiner Wohnung hoch, die zum Glück nur halb so steil wie die der Musikschule am Augusttorwall ist. Zum Klavierüben reicht’s heute wohl nicht mehr, wohl aber für einen CD Abend mit den Goldbergvariationen und einem koreanischen Soju zur Entspannung! 🙂

Ab morgen geht’s eiskalt um 6:30h ans Klavier. Es wird geübt! Bach …!

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Fotos © by Jan Behrens, 2016

Hier könnt Ihr in das komplette Interview mit In-Kun Park hineinhören, dass ich mit ihm in der Vinothek des Steigenberger Parkhotels geführt habe. Wir haben unter anderem über Lampenfieber, Musik und Medizin, Bach, Üben, Disziplin und vieles mehr gesprochen:

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Foto von Jan Behrens © by Stefan Lohmann, 2015

Liebe Grüße – keep on playing!

Euer Jan

 

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