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>Portrait< - Markus Schultze

„Der Weltenreiter“

Liebe MusikfreundInnen, liebe LeserInnen meines Blogs,

nach unfassbaren 1,5 Jahren der Ankündigung in der Zeile *upcoming projects* meiner Homepage ist es nun soweit: Das Portrait von Markus Schultze geht online!

[Fotos © by Jan Behrens, 2017]

Wie schreibt man ein Portrait über jemanden, den man seit 1,5 Jahren nicht gesehen hat? Von dem man nichts gehört hat? Der einem trotzdem nachhaltig in Erinnerung geblieben ist! Diese Frage habe ich mir gestellt und dieser Frage habe ich mich gestellt!

Wie erkläre ich diese Phase des „Verschleppens“, des „Nicht-machens“? Darauf fallen mir spontan mehrere mehr oder weniger stichhaltige Antworten ein … Berufliche Belastung, Stress und andere Projekte überlagerten ein ums andere Mal den Schreibbeginn, das Anfangen. Gepaart mit einer vermeintlichen Sicherheit, „das klappt schon alles“. Tut es das? Ja und Nein zugleich! Dieses Portrait ist von vornherein ganz anders als alle bislang von mir veröffentlichten, denn: Ich schreibe aus dem Gedächtnis heraus und habe zusätzlich zu meinen eigenen Impressionen an Markus nur einen vollgekritzelten Block mit hingeschmierten Kulitextfragmenten, die sicherlich nach 1,5 Jahren nicht mehr den „aktuellen Markus“ repräsentieren … Oder doch? Gibt es einen „aktuellen Markus“?

Und da geht es auch schon los, wir sind bereits voll drin in der Thematik!

Das, was mich am „damals aktuellen Markus“ am meisten beindruckt hat, ist eine Mischung aus absolut hip und angesagt und gleichzeitig total auf dem Teppich geblieben. Durch Markus‘ Leben ziehen sich zwei parallele und dennoch diametrale Stränge.

Markus Schultze – ein extrem intelligenter und kreativer Typ, der sich musikalisch auf großen Bühnen, im TV und am Instrument und generell ausgetobt hat. Er kommt er aus dem Elmdorf Dettum.  Arbeitete im Straßenbau. In der Tischlerwerkstatt. Baute mit bodenständiger Akribie ein eigenes Boot! Das ist mal eine Mischung!

Schultze hat einiges durch, das ist mal klar, da macht er selbst auch überhaupt keinen Hehl draus. Ehrlich ist er, offen und steht zu sich, seiner Vergangenheit, seinem Handeln.

Wir trafen uns im Univiertel in Braunschweig in einem Café mit Blick auf das gegenüberliegende „Irish Pub“ zum Gespräch.

Dettum also! „Ein Dorfjunge interviewt die Stars“ titelte eine Zeitung aus der Region einst. Und da sind sie wieder, die zwei Stränge: Elm und Asse feat. London. Dettum versus weite Welt. Schultze zwischen den Welten. Fliegt heraus aus den Hügeln des Harzvorlandes nach London. Interview für MTV. Trifft Bono von U2 im U2-eigenen Studio in Dublin. Markus interviewt die ganze Band, ist beeindruckt von ihrer Größe. Das Interview gelingt!

Nach dem Abi folgt der Zivildienst in Wolfenbüttel, Schultze’s erste Wohnung: Ein 12qm – Zimmer in einer WG in Braunschweig mit seinen Bandkollegen Jan Jacobsen und Florian Arnold.

[Fotos © by Jan Behrens, 2017]

Die Musik zieht sich wie ein roter Faden durch Markus‘ Leben. Der musikalische Anfang vollzieht sich im Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr Dettum mit ca. 9 Jahren als Winzling.

„Ich wollte als kleiner Junge unbedingt trommeln … war das Nesthäkchen“ beschreibt er sich selbst und schlürft an seinem O-Saft. Ab dem 12. Lebenjahr nimmt Schultze die Gitarre in die Hand und lässt sie seither nicht mehr los. Die erste Band folgt und dürfte dem versierten Braunschweiger durchaus noch in Erinnerung sein: Sisyphean Task. Schultze ist zunächst an den Drums und wechselt später, nachdem Jan Jacobsen den Job an den Trommeln übernimmt (der von Haus aus Drummer war, sich aber an Keyboard und Gitarre ausprobieren wollte), an die Rhythmusgitarre.

Die Band sei „im Keller gewachsen“, „da fing für mich alles an, da wurde für vieles in meinem Leben der Grundstein gelegt“. Es folgt der Gewinn des legendären FBZ-Wettbewerbs, danach verlässt Michael von Loh die Band und Markus übernimmt nach einigem Hin- und Her auch das Mikro. Die Band produziert ca. 2 Jahre später eine Platte: Climbing Trouble Mountains, die in einer Windmühle in Hedeper aufgenommen wurde. Und dennoch: 1996 löst sich die Band auf. Beim Erzählen merke ich Markus die Begeisterung für das Projekt an, die aus dieser Zeit immer noch mitschwingt. In dieser Zeit bricht er seine Tischlerlehre ab und beschließt, dass er musikalisch durchs Leben gehen will.

Die Phase der „Kellerbands“ kenne ich selbst auch, habe es genauso geliebt und erzähle Markus von meiner ersten Band, die The Art Of Delusion („Die Kunst des Wahnsinns“) hieß, im Gemeindezentrum Vechelde probte, bis in der darunterliegenden Apotheke der Betablocker aus den Regalen fiel und das Schützenfest in Schöppenstedt 1992 mit 50 Pogo tanzenden Besuchern aufmischte. Mit viel Jobben und Rumhandeln konnte ich mir damals ein Yamaha SY22-Keyboard zusammensparen, was mir jahrelang treue Dienste erwies. Für eine M1 Workstation von Korg hat es nicht gereicht. Markus schmunzelt und erzählt mir von seiner nächsten Band.

Milk auf Ex! Mit deutschen Texten! Und das auf Ex! Na dann Cheers! Jetzt von vornherein alles anders. Mit Peter Brenner an der Gitarre und „der hatte einen Plan“, wie Markus erzählt. Lutz Sauerbier an den Drums, Andreas Becker am Bass („nebenbei“ Gitarrist bei Peter Maffay). Und Markus? Vocals & Guitar! Man probt und produziert in einem halben Jahr ein amtliches Band-Demo, führt Vorgespräche. Teile der Band rollen mit Markus‘ Fiat Uno mit defektem Anlasser (Kaufpreis 350 DM) durch Deutschland und sprechen bei Plattenfirmen vor – der Durchbruch! Die Band nimmt rasant an Fahrt auf und es gibt jede Menge spannende Songs. Insgesamt großer kreativer Output und Aufbruchstimmung. Der Plattenvertrag – bei Mercury Records, folgt folgerichtig und verdient. Der Titel des Albums: Platte des Monats! Stilistisch bewegt sich die Scheibe zwischen Rock und Punkrock, auch mit deutschen Texten. Das ganze gewürzt mit einer guten Prise Humor und Nachhaltigkeit; eine Mischung, die ankommt. So auch bei den ganz Großen: Milk auf Ex wird Live-Support für Bon Jovi und spielt in großen Arenen und Stadien in Deutschland vor hundertausenden von Zuhörern. Unglaublich, aber wahr: Davor war die Band nur 3x (!) live aufgetreten! Den Umgang mit Jon Bon Jovi beschreibt Markus als „professionell freundlich“, nach der zweiten Show wird Milk auf Ex von der Stage Crew akzeptiert.

Doch auch diese Band löst sich auf … „Es waren alles Rockbands. Ich habe in allen gesungen und Gitarre gespielt. Ich habe sie alle geliebt“.

Markus ist schwer getroffen und rührt über ein Jahr kein Instrument mehr an …!

[Fotos © by Jan Behrens, 2017]

Auch das macht ihn aus, diesen Markus Schultze! Manchmal ist er hin- und hergerissen. Spielt vor 60.000 begeisterten Leuten und fühlt sich parallel dazu „manchmal ganz klein.“ Ein Dilemma. Pendelhübe zwischen zwei Lebensentwürfen, beide haben ihre Berechtigung. Asse versus London, da ist es wieder. „Welten verwischen, die ich bis heute nicht zusammenbekomme“, beschreibt es Markus selbst. Es kommt noch schlimmer: „Das ist das, was mich ein paar Mal fast gekillt hat.“ Er berichtet von anstrengenden Gesprächen innerhalb der Band, „wer welchen Anteil an Songs“ getextet hat. Verteilungskämpfe, Terrain, das abgesteckt wird, es nützt nichts, die Band „ist zerbröselt“. Markus wechselt das Arbeitsfeld und malocht im Stahlbau und nächtelang in Kneipen, singt eine Gastrolle im Theater und repariert zerstörte Lautsprecher.

Inmitten dieser Wirren tut sich etwas Neues auf! Markus zieht nach München und wird MTV-Moderator, später dann geht es weiter nach Berlin, seine zuvor in Braunschweig gegründete Band Undewater Circus besteht parallel. Unbefangenes Jammen, Rocken. Es geht wieder von vorne los und das ziemlich gut. Ein Album kommt auf den Markt: Grace under Pressure. „Mit dieser Band und dieser Scheibe habe ich mich ein wenig freigeschwommen.“ Markus leistet einen großen Anteil an der Produktion des Albums und behält die Fäden in der Hand. Es geht auch wieder auf Tour „durch die deutschsprachigen Länder“, mit keinem geringeren als den Guano Apes, große Sommerfestivals, Rock am Ring und sogar ein Videodreh in New York – um nur einige Stationen zu nennen. Die Band fährt mit einem Flatbed-Truck über den Times Square und dreht im legendären Punk Club CBGB’s. Die Single Not You wird Teil des Sountracks von Igby goes down mit Jeff Goldblum und Susan Sarandon.

[Fotos © by Jan Behrens, 2017]

Dazu die TV-Karriere. Ich selbst erinnere mich an Markus, der über die Mattscheibe meiner Studentenbude flitzte und Anfang der 2000er Jahre moderiert hat, was das Zeug hält. Los ging es mit dem Verschicken von Fotos an eine Agentur in Hamburg, die Markus in ihre Kartei aufnahm. Seine Bewerbung wurde durchgereicht und landete bei MTV, die nach Moderatoren suchten. Mit 28 Jahren „hatte ich zum ersten Mal mehr Geld, als ich zum Leben brauchte“ berichtet Markus. Es geht nun richtig zur Sache und trotzdem, das ist er wieder, der „Real Markus Schultze“: „Ich seh das kleiner trotz vieler unglaublicher Erfahrungen“. Er ist ein ein empfindsamer Mensch, der sich von den mannigfaltigen Verlockungen der Welt nicht fernhielt und trotzdem manchmal „ein schweigsamer Indianer“ ist. Eine komplexe Mischung, die ihn vielleicht aber vor dem ganz großen Fall bewahrt hat? Oder den ganz großen Aufstieg letztlich verhindert hat? Darauf spreche ich ihn an!

Ich erahne instinktiv, dass es ein Drahtseilakt gewesen sein muss. Auf der einen Seite „Band läuft“ und Jubelschreie, dann die Einsamkeit der Künstlergarderobe und ein ferner Glockenschlag der Elmkirche. „Wo stehe ich?“ Letztlich: „Wer bin ich?“ Markus verlässt MTV Ende 2005 und blickt dennoch auf die „Zeit voller Dankbarkeit zurück.“

„Heute glaube ich, dass es gut war, wie es gekommen ist, es war am Ende gesünder,  denn ich habe eine Neigung mich dem Leben hinzugeben, vor allem damals gelegentlich mit Hang zum Exzess.“ Ehrliche Worte!

Der O-Saft ist alle. Es regnet draußen und ich habe kalte Füße. Markus blickt aus dem Fenster hinaus. „Prickelt es denn gar nicht, zurück an die große Öffentlichkeit?“ will ich noch wissen.

„Für’n Moment ganz schön, ich habe aber gelernt, dass es mir seelisch von Herzen egal ist. Ich stelle mir eher die Frage: Wen sehe ich, wenn ich mir selbst in die Augen schaue? Manchmal muss ich mich daran erinnern mich selbst und meine Zweifel nicht zu wichtig zu nehmen.“

Was er sich für sich selbst wünsche? “ Ein klares, reines Zufriedensein.“ Gibt es das dauerhaft?

Ist die Betrachtung der bewegten und wirklich interessanten Vita von Markus Schultze nicht – metaphorisch gesprochen – ein Spiegelbild des intrinsischen Widerspruchflusses, der das reale Lebens und die Welt durchzieht, der das Leben aber auch als solches im inneren Erleben und äußeren Handeln prägt, definiert und chronologisch begründet? Große Wünsche, Träume und Fantasien im Spannungsfeld mit der externen Realität und der Konfrontation mit dem „eigenen Ich“.

Kann ich es schaffen, ein (weltbekannter) Künstler zu sein und mir gleichzeitig selbst vollkommen treu zu bleiben? Werde ich meinen eigenen Ansprüchen an mich und gleichzeitig denen, die mich betrachten, gerecht? Wie ist das Verhältnis zwischen meiner eigenen und der fremden Wahrnehmung?

Fragen, auf die ich auch keine unipolare Antwort finde, aber ein Wort in mir heraufbeschwören, dass ich bei meinem ehemaligen Klavierlehrer Bernd Homann verinnerlicht habe. „Authentizität“ sage ich und schaue Markus an. „Das ist es wohl, aus diesem Grund baue ich ein Boot.“ antwortet er lächelnd und wir bezahlen unsere Getränke.

Im Auto gleiten zuerst Bäume und Felder, dann die Hügel des Elms an mir vorbei. Die Werkstatt liegt im Keller eines Mehrfamilienhauses, in dem geschätzte und langjährige Freunde leben, die Markus den Raum kostenlos zur Verfügung stellen und sich am Schaffensprozess erfreuen. An der Wand hängt ein Jesusgemälde. Markus muss eigentlich gar nicht mehr viel sagen, denn ich staune von ganz allein. Hier vereint sich die privat komprimierte Handwerkskunst aus der Summe all der vorangegangenen Stunden, Tage und Wochen des beruflichen Broterwerbs. Das Boot glänzt, ist noch nicht ganz fertig. Das Weiterarbeiten gönne ich ihm, denn der Beitel in der Hand steht ihm genauso gut wie das Gitarrenplektron zwischen den Fingern. Die Stille der Werkstatt genauso gut wie das Getöse vor 10.000 begeisterten Fans. Das leise Gleiten durchs stille Wasser genauso gut wie die stürmische Fahrt vor der Bugwelle der Kamera.

[Fotos © by Jan Behrens, 2017]

Letztlich hat sich Markus nie entschieden. Aber …! Muss er ja auch nicht, denn eine Persönlichkeit hat ganz viele, unterschiedliche und vitale Facetten, die auch Gegensätze zulassen, das ist es, was „Menschsein“ ausmacht und Sympathie ausstrahlt.

Wenn ich irgendwann mal den Fernseher anstelle und Markus bei Rock am Ring mit einer neuen Band als Topact sehen würde, würde es mich genauso wenig überraschen, wie einen Markus Schultze zu treffen, der mir auf der Örtze (Heideflüßchen) zusammen mit seinem Sohn im Boot entgegenplätschert und mir einen mit Stevia gesüßten Yogitee aus der Edelstahlthermoskanne anbietet.

Ich wünsche ihm wirklich von Herzen Glück, diesem Markus Schultze, ein Typ, der mich wirklich beeindruckt hat und freue mich darauf, ihn bald PERSÖNLICH wiederzusehen – nächster Showact: Hänsel Gretel Frosch & Wolf im Braunschweiger Wintertheater! Wer Markus live erleben möchte, geht am 25.12.2017 in die Wegwarte nach Lucklum, wo das große, rituelle Weihnachtskonzert seiner Indie-Band Indiegos (ehemals Entertain Us) stattfindet:

Wegwarte Lucklum / Markus Schultze live

Jetzt und hier sage ich nach – ich betone es nochmal – 1,5 Jahren:

Happy Advent Markus, liebe Grüße und Cheers an meine LeserInnen!

Euer *JB*

Und hier ist es, das Live-Interview mit Markus Schultze in 3 Teilen, über Erfolge, Mißerfolg, seine Zeit bei MTV und seine Pläne für die Zukunft:

Und weiter geht’s mit Nr.2! Markus spricht über Bootbau und Komposition:

Zu guter letzt die Nr.3: Markus spricht über Stadionkonzerte vor 60.000 Zuhörern und sein eigenes Erleben on stage:

 

Epilog:

Nachdem ich das Portrait fertiggestellt habe, schreibe ich Markus eine E-Mail! Er meldet sich prompt und antwortet mir auf meinen Blog!

„Ich habe mich schon entschieden, nur nicht für eine bestimmte Laufbahn.
Ich habe mich entschieden für die Liebe, das Leben, die Vielfalt, für Hingabe, die Suche nach Wahrhaftigkeit und den Anspruch, die Dinge die ich tue, mit ganzem Herzen und so gut ich kann, zu tun. Je älter ich werde, desto klarer wird mir selbst diese Entscheidung, die ich nicht in einem Moment getroffen habe. Im Grunde treffe ich sie täglich neu.

Und ich habe mich entschieden offen zu bleiben für die Geschenke des Lebens.
Ich bin unendlich froh und dankbar, für die Liebe, die ich in meinem Leben empfangen und geben durfte und darf.
Mein grossartiger Sohn, meine zauberhafte Freundin, meine Familie, meine Freunde, die Musik, die Natur und so viel mehr, machen mich bei allem gelegentlichen Hadern zu einem erfüllten und dankbaren Menschen.“

 

Epilog Reloaded:

Das Boot ist im Sommer 2016 fertig geworden. Es heißt truly und war schon mehrfach mit Markus und seiner Patchwork-Familie auf Tour!

Im Sommer 2017 hat Markus ein weiteres Kanu nach ganz anderem Prinzip im Rahmen eines Workshops gebaut! Es heißt hope. Markus leitet jetzt selbst einen Workshop. Ein Projekt der Lebenshilfe Salzgitter, im Rahmen des United Kids Foundation, unterstützt von der Volksbank BraWo. Mit 4 geistig beeinträchtigten Kindern der Tom Mutters Schule Salzgitter-Gebhardtshagen entsteht gemeinsam ein Skin-on-Frame Kanu.

„Das Leben hat mal wieder die Leitung übernommen …“